Ado-Geschichten
 

 

"Kinder sind unsere direkten Lehrer. Sei aufmerksam,

und sie werden dich erinnern an vergessene Welten des unbeschwerten Seins eines gegenwärtigen

Augenblicks."

(Weisheit aus Tibet)

 

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Adoptionsgeschichten

Jeder der möchte kann hier, seine Geschichte erzählen. Ob Adoptierte/Adoptierter oder Eltern, die ihr Kind, aus welchen Gründen auch immer, weggeben haben auch Erlebnisse/Erfahrungen von Adoptiveltern mit der Adoption Ihres Kindes, können hier veröffentlicht werden. Schreiben Sie, alles was Ihnen auf Ihrer Seele liegt. Schicken Sie mir Ihre Geschichte per Email, mit dem Betreff unter dem die Geschichte hier veröffentlicht werden soll.

Teilen Sie mir bitte auch mit, ob Sie möchten, dass auch Ihre Email-Adresse mit dem Text bekanntgegeben werden soll, damit vielleicht andere Betroffene Ihnen ihre eigenen Erfahrungen zukommen lassen können. Möchten Sie anonym bleiben, schreiben Sie mir bitte einen "Nicknamen" nach dem Ihre "eigene" Schicksalseite benannt werden soll. Möchten Sie auch Fotos von sich dazu veröffentlicht haben, so hängen Sie die Fotos der Email als Anlage bei. Geschichten die neu aufgeführt sind, werden für ca. 2 Wochen mit "neu" gekennzeichnet.

Unter der Rubrik "Erfolgsstories" werde ich über positiv ausgegangene Suchen berichten. Wenn Sie finden, dass Ihre Story auch dort hinein gehört, dann wird sie natürlich auch veröffentlicht!

 

Antje's Geschichte (03. August 2010)

Am heutigen Dienstag erreichte mich Antje's e-mail mit der Bitte um Veröffentlichung Ihrer Geschichte. Hier ist sie...

Antje Meinhardt aila1990@gmx.net

 

Es fällt mir sehr schwer, meine Geschichte, die ich erlebte und bisweilen immer noch erlebe, aufzuschreiben, und sie noch einmal zu durchleben, denn jedes einzelne Wort, welches ich hier schreibe tut mir weh, und versetzt mich wieder in die damalige Zeit zurück. Ich war 13 Jahre alt, als sich mein Schicksal drastisch verändern sollte, wenn ich heute darüber nachdenke kommt mir das alles wie ein schlechter Traum vor. Ich war schon immer sehr musikalisch, und so kam es, dass mein in Erfurt ansässiger Chor eine Website im Internet veröffentlichte, und von jedem Chormitglied einen Steckbrief online stellte. Das war wohl ein fataler Fehler, denn schon bald bekam ich eine Email von einem mir noch unbekannten Mädchen, welches sich mir als 15- Jährige vorstellte und mir schrieb, dass es die Tatsache, dass ich in einem so frühen Alter singe herrlich findet. Ich freute mich sehr und schrieb natürlich gleich zurück, und wie es der Zufall so will, baute sich zwischen dem Mädchen und mir eine Freundschaft auf, die besser nicht hätte sein können. Wir schrieben jeden Tag miteinander, und ich vergaß bisweilen, dass ich zuhause meine Eltern sitzen hatte, die so langsam merkten, dass ich mich veränderte, und nur noch Augen für meine Schreibfreundin hatte. Ich habe mich eine lange Zeit gefragt, was so abwegig an meinem Verhalten war, und heute denke ich manchmal daran zurück, und weiß, ich hätte anders reagieren sollen. Die Freundschaft verfestigte sich, und man lernte sich immer weiter kennen. Meine Mutter war von Beginn dieses Kontaktes an, dagegen, dass ich mit einem fremden Mädchen schrieb, denn sie wusste etwas, dass ich noch nicht wissen konnte. Mein Vater war und ist für mich immer der beste Mensch gewesen, den man sich als Tochter nur wünschen kann, er ist liebevoll, und hat bisweilen die Fähigkeit Probleme, die von außen in die Familie dringen, abzuwehren und alles so aussehen zu lassen, als wäre alles super. Zu meiner Mutter hatte/habe ich ein zwiespältiges Verhältnis, denn wir haben/hatten sehr oft Meinungsverschiedenheiten, sie akzeptiert meinen Charakter nicht, genauso wenig, wie ich ihren akzeptieren kann. Dennoch habe ich sie lieb, auf eine Art und Weise, die man nicht erklären kann, und ich war schon immer dankbar für alles, was sie für mich getan hat, und manchmal erwische ich mich dabei, ihr schlechte Handlungen mir gegenüber zu verzeihen. Ich habe bei meiner Schreibfreundin Trost gesucht und Hilfe, bin praktisch aus meinem Alltag geflohen und hatte lange Zeit Angst, das alles, diese innige Freundschaft, irgendwann, aufgeben zu müssen. Meinen Großeltern fiel aber irgendwann auf, dass sich dieses vermeintliche Mädchen für das angegebene Alter recht erwachsen verhielt. Immer wieder sprach mich meine Großmutter darauf an, wie suspekt ihr das Verhältnis zwischen dem Mädchen und mir vorkam, und bat mich, den Kontakt einzustellen, was aber von meiner Seite aus, nicht mehr möglich war, denn die Ähnlichkeiten in dem Charakter des Mädchens und in meinem, wurden mir immer bewusster.

 

Mein Vater war/ist mir immer sehr ähnlich. Ich liebe ihn, dass kann ich wirklich sagen. Aber auch, wenn man seine Eltern, seine Familie liebt, bleibt man von Gefühlen, die einen überfallen nicht verschont, und so habe ich oft auf dem Fensterbrett in meinem Zimmer gesessen, in den Himmel gesehen, und wusste, dass mir irgendetwas fehlt, ich denke, dieses Gefühl kennt jeder, der adoptiert ist. Irgendwie fühlte und fühle ich mich bisweilen nicht komplett, oft war ich gezwungen zu überlegen, ob es in meinem Leben nicht ein Geheimnis gibt. Nach einer langen Zeit des Schreibens und des Wartens entpuppte sich das Mädchen, welches sich mein Vertrauen erschlichen hatte, als eine erwachsene Frau. Genauer gesagt, als eine Frau, die zum damaligen Zeitpunkt 35 Jahre alt war, eine intelligente, aber heuchlerische Person, die mein Identitätsdenken wohl für immer auf den Kopf gestellt hat. Erst heute denke ich so, dass muss ich zugeben, mit 13 war ich wohl zu naiv, um zu begreifen. Eine Freundin von mir hat das Geschehen, die heimlichen Treffs miterlebt und immer gesagt, ist dir nicht irgendetwas aufgefallen? Du und diese Frau, ihr seht euch ähnlich. Wahrscheinlich war ich zu feige mir einzugestehen, dass ich adoptiert wurde, ich habe ehrlich nie mit dem Gedanken gespielt, denn meine Eltern waren immer meine Eltern, auch wenn ich manchmal merkte, dass ich anders zu sein schien, als sie.

 

Am 29. April. 2005 war der Tag der Tage und mein Schicksal änderte sich von einem Moment auf den anderen. Man stelle sich folgendes Szenarium vor: Eine Parkbank, eine Frau von 35 Jahren, ein Mädchen von 15 Jahren und die Freundin des Mädchens. In der Hand der Frau drei Bilder, und der alles entscheidende Satz der auf einmal über mich hineinbrach: “ Antje, ich bin deine Mutter, und ich habe dich 1990, nach deiner Geburt zur Adoption freigegeben. “ Wenn ich heute daran denke, breche ich immer noch innerlich zusammen, denn dieser Tag veränderte mein ganzes Leben, und ich war nicht mehr ich selbst, aber das war ich, wie mir zu dem Zeitpunkt klar wurde, mein ganzes Leben schon nicht. Meine Welt brach zusammen, ich erfuhr auf einmal von weiteren vier Geschwister, die nicht mehr als ein Jahr im Alter auseinander lagen. Ich erfuhr, was mein Lebensglück war, von einer Schwester, die ebenso, genau wie ich zur Adoption freigegeben wurde. Zwei meiner Geschwister wohnten zur damaligen Zeit nicht in Erfurt, aber mein großer Bruder und die ebenfalls Adoptierte Schwester schon. Angst machte sich breit. Tausend Fragen schossen durch meinen Kopf. Wer sind meine Geschwister, kenne ich sie? Wie soll ich das meinen Adoptiveltern erklären, und auch wusste ich, dass sich ab sofort das Verhältnis zu meiner Mutter noch mehr verschlechtern würde, leider. Ich kann nicht mehr sagen, was ich in dem Moment, in dem ich die Tatsache erfuhr, empfunden habe. Ich war gedemütigt, kam mir ausgenutzt und belogen vor. Und ich dachte: “ Warum, warum ich! ?

Als meine Eltern alles erfuhren, leugneten sie vorerst die Tatsache, das ich adoptiert bin und meinten, ich sei ihr eigenes Kind, sicher eine plausible Reaktion, wenn man sich in Adoptiveltern hineinversetzt. Meine Mama hatte einen unglaublichen Hass auf die leibliche Mutter, denn immerhin hat sie meinen Eltern die Chance genommen, selbst mit mir über mein Leben zu reden. Sie hatten wahnsinnige Angst, ich könnte weggenommen werden, oder freiwillig gehen wollen, nur muss ich sagen, dass ich niemals auf die Idee gekommen wäre, denn meine Eltern waren da, wenn es mir schlechtging, haben alles mit mir durchgemacht- die andere Frau hat mich im Stich gelassen, allein, ohne jegliche Hilfe oder Mutterliebe, die doch für ein Kind so wichtig ist.

 

Mein Bruder, den ich bald darauf kennenlernte, mochte ich eigentlich sehr, denn es schien mir, als wäre er im Denken ähnlich wie ich. Meine Mutter nahm ihn freundlich in unsere Familie auf, doch bald schon merkte ich, dass er sich nur einschleichen wollte, und er schaffte es, er erlangte das Vertrauen meiner Eltern, was sogar soweit ging, dass meine Mama sich einen Sohn wünschte, der genauso ist, wie er. Ich begann ihn zu hassen, denn ich hatte immer noch Kontakt zur leiblichen Mutter, weil ich mehr über die damalige Situation erfahren wollte. Meine Eltern konnten das nicht verstehen, und fühlten sich von mir hintergangen und ungeliebt, aber das war niemals das, was ich wollte, denn ich liebe sie, wirklich. Mein Bruder hat mich immer, wenn ich zu Besuch bei der leiblichen Mutter war, verraten. Er hat mir Ärger beschert, und meine Eltern waren blind, haben ihn verteidigt und die eigene Tochter verstoßen, aus Wut.

 

Ich hasste ihn damals sehr, aber es gab noch andere Lichtblicke, wobei sich einer als der Größte entwickelt hat, den man sich/ich mir vorstellen kann. Zu meiner anderen Schwester, die ein Jahr jünger ist als mein Bruder, gibt es nicht viel zu sagen. Sicher war es interessant sie kennen zu lernen, und Ähnlichkeiten zu entdecken, aber ich merkte schon bald, dass man versäumte Zeit nicht aufholen kann, die Distanz war leider zu groß. Dennoch nehme ich es als gegeben hin, denn ich kann die Zeit nicht rückgängig machen. Ich war 15- stand eine Woche vor meiner Jugendweihe und mein Leben änderte sich gewaltig, ich war am Boden zerstört, und eine Woche nach dem meine leibliche Mutter in Erfurt auftauchte, verschwand sie auch wieder, sie verschwand so schnell, wie sie mein Leben auf den Kopf gestellt hat, wie ein Elefant im Porzellanladen. Sie ließ mich wieder im Stich und ging ihrer Wege, zumindest fühlte ich mich damals so. Der zweite Bruder, der ein Jahr älter ist, als ich es heute bin, und heute ist es 5 Jahre her, dass ich es erfuhr, wohnte zum damaligen Zeitpunkt noch bei seiner Mutter, und war/ist immer das Nesthäkchen, ich lernte ihn kennen, ich mochte ihn, aber er wusste einfach zu wenig von der Situation und bisweilen schien es, als wolle er gar nichts von einem wissen, und wer weiß, vielleicht ist es auch so, denn, wenn man einfach in eine Familie platzt, und es heißt, ich bin die Schwester, dann klingt das meistens doof, denn man hat nichts miteinander erlebt.

 

Es dauerte eine Weile bis ich das Geschehen etwas verarbeitet hatte, aber mal ehrlich, eigentlich verarbeitet man so etwas nicht, denn es stellt alles auf den Kopf, und lässt dich Selbstzweifel entwickeln. Oft habe ich mir die Schuld gegeben, dachte, ich wäre nichts wert gewesen, denn ich kann mir nicht erklären., wie man ein Kind weggeben kann, einfach so. Ich habe oft überlegt, nein ich habe es mir gewünscht, jemanden zu finden, dem es genauso ging/geht wie mir, aber leider war ich zu Beginn nicht stark genug nach jemandem zu suchen. Kennt jemand das Gefühl, dass man, wenn man Gewissheit hat, bei jedem Schritt überlegt, ob einem gerade vielleicht die eigene Schwester über den Weg gelaufen ist?

 

Das einzige was mir von meiner auch adoptierten Schwester gewiss war, war ihr Geburtsname. Beim Jugendamt suchte ich verzweifelt nach Informationen, wollte sie kennen lernen, mit ihr reden, eine Schwester haben, der ich vertrauen kann. Ich hatte kein Anrecht etwas über sie zu erfahren, über die große Schwester, ich durfte nichts erfahren, nur, dass sie genau wie ich in Erfurt wohnte. Mehr nicht. Dennoch war dies ein Lichtblick. Ich suchte überall, im Internet, beim Jugendamt, an alten Schulen, aber ich bekam nichts raus. Ich gab auf, denn ich überlegte oft, ob es gut wäre, meine Schwester zu überraschen, denn ich wusste doch nicht einmal, ob sie schon Gewissheit hat, oder wenn sie welche hätte, ob sie überhaupt Interesse hätte.

 

Ich begann mein Leben wie bisher weiter zu leben, in sporadischen Kontakt zu den anderen Geschwistern, die mir aber im Nachhinein nur wie Bekannte vorkommen. Es ist nicht so, dass ich nicht versucht habe, sie als Geschwister, als meine Familie zu sehen, aber es geht nicht, ich habe eine Familie, meine Familie und meine Geschwister haben ihre, auch, wenn uns vielleicht gleiche Gene verbinden. Mein Leben ging wie gewohnt weiter, und es vergingen zwei Jahre. Für meine Eltern war die Herkunftsfamilie noch immer ein rotes Tuch, noch immer die, die ihr Kind weggeben haben. Als ich meinen leiblichen Vater kennenlernte, empfand ich nichts, das klingt traurig, ist aber die Wahrheit. Ich spürte Distanz und fühlte mich in seinen Armen verloren, ich fühlte mich anders in der Reihe der Geschwister. Und ich denke, ich bin/war es auch, wäre da nicht mein Lichtblick.

 

Am 16. April. 2007, genau zwei Jahre nach der Erkenntnis adoptiert zu sein, hatte ich die Hoffnung auf ein Zusammentreffen mit meiner Schwester, meinen Lichtblick längst aufgegeben, vielleicht hatte ich auch Angst, mich wieder selbst zu verletzen. An diesen Tag erinnere ich mich noch, als wäre es gestern gewesen. Heute weiß ich, dass mich meine Mutter hätte auf dieses Treffen aufmerksam machen müssen, sie hatte mir eine Unterstützung sein sollen, aber die habe ich nicht bekommen, und stand an diesem Tag allein auf weiter Flur.

 

Ich erinnere mich, wie es an der Tür klingelte. Ich wurde von meiner Mutter hinunter gerufen, denn sie sagte, ich habe Besuch. Als ich die Treppe hinunterging sah ich aus den Augenwinkeln meine Betreuerin vom Jugendamt und ….

 

Anne. Eine Mädchen, kaum älter als ich, rote Haare, blasse Haut und die Nase, die Augen und der Mund, die Gesichtszüge, alles wie bei mir. Meine Schwester. Ich erinnere mich heute noch an ihren Blick und ich könnte noch immer vor Glück weinen. Alles stand Kopf, ich weiß noch heute nicht, was ich denken soll. Wir weinten, es waren Tränen aus Glück, aus Verzweiflung, und Tränen über den erfüllten Wunsch meine Schwester in den Armen halten zu können. Wie lange habe ich mir diesen Tag gewünscht, wie lange gehofft, endlich jemanden zu haben, der mich verstehst, der meine Gedanken nachvollziehen kann. Anne, wenn du das hier liest, dann lass dir gesagt sein, dass ich dich unendlich liebe, und du mir so wichtig bist, dass ich mir ein Leben ohne dich nicht mehr vorstellen kann, und will. Viel zu lange waren wir voneinander getrennt und bin glücklich über jeden Moment, den ich mit dir  durchleben darf, über jeden.

 

Anne, ich will dich nie verlieren, denn du zeigst mir jeden Tag, warum ich solange die Kraft hatte zu kämpfen.

 

 

Marion M's Geschichte (16. Juli 2010)

Adoption in der DDR - Die Wiedervereinigung

Ihr Leben lang hat Marion M. aus einem Dorf bei Magdeburg nach ihrer Familie gesucht. Sie fand zwei Schwestern im Westen. Gemeinsam entdeckten sie das Drama ihrer Herkunft

Nachdem Marion M. die Wahrheit erfahren hat, steigt sie in ihr Auto, fährt nach Hause und weint. Sie ist verwirrt und wütend – auf die DDR, in der sie groß geworden ist, und ebenso auf die Frau vom Landratsamt in Stendal, die ihr an diesem Tag eine Akte hingelegt hat, 69 vergilbte Blätter mit Behördenstempeln der »Deutschen Demokratischen Republik«. Marion M. hat alles gelesen und an ihre Brust gedrückt, obwohl sie daraus auch Furchtbares hat lernen müssen. Sie hätte die Dokumente am liebsten mitgenommen, um wenigstens etwas in den Händen zu halten, doch die Frau vom Amt hat sie nicht hergegeben.

»Aber das ist doch mein Leben!«, hat Marion M. gerufen. »Tut mir leid«, hat die Frau geantwortet. »Ach, bin ich jetzt wieder der Staatsfeind?«

Es ist der 14. Mai 2009, an dem Marion M. das große Geheimnis ihres Lebens löst, zugleich tun sich für sie viele neue Rätsel auf. Ein ganzes Jahr lang macht sie sich von nun an auf die Suche nach sich selbst.

Marion M. ist 57 Jahre alt und stammt aus der Nähe von Magdeburg. Das Land DDR ist lange ihre Heimat gewesen, den Staat hat sie gehasst. Als sie jung war, arbeitete sie als Eisenbahnschaffnerin in Interzonenzügen. Sie sah die Weinenden am Bahnsteig, die dieser Staat und sein Eiserner Vorhang von ihren Liebsten trennten. Das genügte ihr. Sie weigerte sich, in die SED einzutreten, von da an durfte sie nur noch in Regionalbahnen Dienst tun. Nach der Wende hat sie sich in vielen Jobs durchgeschlagen, zuletzt ist sie Altenpflegerin gewesen. Wenn sie heute Probleme mit Behörden hat, kommt die alte Wut auf den Staat wieder hoch.

»Sind die im Amt vielleicht auch bei der Stasi?«, grollt sie. »Oder warum kriege ich meine Akte nicht?«

Nach ihrer Adoptionsakte hat sie seit dem Mauerfall gesucht, 20 Jahre lang. Sie weiß zwar seit ihrem zwölften Lebensjahr, dass sie adoptiert worden ist, aber sie kannte weder ihren Vater noch ihre Mutter. Bei den Ämtern hieß es nur, es gäbe keine Unterlagen. 2003 tauchte dann ein Melderegisterauszug mit dem Namen der biologischen Mutter auf und mit deren Geburtsort, einem Dorf ganz in der Nähe. Und da stand auch noch der Name einer Halbschwester.

Jetzt erst, im Landratsamt von Stendal, hat Marion M. herausgefunden, dass ihre Mutter tot ist. Sie starb 1966 in Witten im Ruhrgebiet. Die Tochter weiß nun, warum ihr so lange kein Zufall bei der Suche weitergeholfen hat: Ihre Mutter war kurz nach Marions Geburt in den Westen geflohen. Der Vater war Dorfpolizist, aus der Akte erfuhr sie endlich seinen Namen. Er hat sie nie als sein Kind anerkannt, und als die Mutter ihn auf Unterhalt verklagte, war er verschwunden, er ging wohl ebenfalls in den Westen. Marion M. hat noch etwas erfahren, das sie bewegt: Sie hat nicht nur eine unbekannte Halbschwester – sie hat sogar zwei. Beide sind ein wenig jünger als sie und leben im Ruhrgebiet. Die Frau vom Amt hat soeben ihre Adressen herausgefunden.

Das alles wäre schon aufregend genug, aber da ist etwas, das Marion M. tief verstört: Auf ihren Adoptionsunterlagen von 1956 fehlt die Unterschrift der Mutter. Es könnte sein, dass Marion M. das Opfer einer Zwangsadoption ist – dass ihre Mutter sie nicht freiwillig weggegeben hat. Erst vor ein paar Wochen hat sie einen Fernsehfilm gesehen, Die Frau vom Checkpoint Charlie. Er handelt von einer DDR-Bürgerin, die in den siebziger Jahren flüchtete und diplomatische Verwicklungen auslöste. Sie kämpfte um ihre Kinder, die noch im Osten waren, man hatte sie ohne Einwilligung der Mutter zu Adoptiveltern gebracht. Ein Film über einen echten Fall. Wurde auch Marion M.s Mutter durch die Adoption bestraft? In der Akte findet sich zumindest ein Indiz dafür: Sie sei schon vor ihrer Flucht häufig »in den Westen gegangen«, hatten Nachbarn dem Jugendamt erzählt.

Mehr als hundert Bürgern habe der Staat DDR die Kinder weggenommen, sagen Opferverbände. Zwangsadoptionen trafen Bürger, die wegen politischer Äußerungen eingesperrt wurden, wegen Arbeitsverweigerung oder Westflucht. Die meisten Fälle gab es in den siebziger und achtziger Jahren, auch aus den fünfziger Jahren sind einige bekannt. Die Stasi sorgte dafür, dass die Akten so aussahen, als sei alles nach Recht und Gesetz abgelaufen.

Es vergehen Wochen, in denen sich Marion M.s Aufregung nicht legt. Im Juni 2009 sitzt sie lange an Briefen an ihre Schwestern. Sie will mehr über ihre Mutter wissen und sorgt sich zugleich, auf Ablehnung zu stoßen. Ein zerrissenes Gefühl kommt in ihr auf. Sie hat ja schon eine Familie, ihre Adoptivfamilie. Die Eltern sind lange tot, aber mit den Cousins und Cousinen versteht sie sich sehr gut. Als sie denen von der neuen Familie erzählte, sagten sie: »Genügen wir dir denn nicht?« – »Es geht mir doch nur darum, herauszufinden: Wer bin ich eigentlich?«

Adoption ist so etwas wie die dunkle Seite ihres Lebens – nicht nur, weil sie selbst adoptiert worden ist. 1974 hat sie einen sieben Monate alten Säugling adoptiert, da war sie 22. Sie wollte Gutes tun, als ließe sich so ihr eigenes Leid aufwiegen. Der Junge wurde älter und schien nur Probleme zu bringen. Er zog schließlich aus, heute hat M. keinen Kontakt mehr zu ihm. »Die Gene«, sagt sie. Ihr Adoptivsohn hat dann selbst nach seiner Mutter gesucht, weil auch er auf die Idee kam, er sei zwangsadoptiert worden. Die Mutter stand irgendwann vor der Tür und war wütend, sie wetterte gegen das Jugendamt, das ihr das Kind wegen Vernachlässigung weggenommen hätte. Erst als 1990 Marion M.s eigener Sohn zur Welt kam, ist dieser Kummer verblasst. Er lebt bis heute bei ihr.

»Liebe Birgit, liebe Gabriele«, schreibt sie nun im Juni 2009 an ihre Schwestern, »ich bitte Euch, mir zu erzählen, was in Eurem Herzen von meiner Mutter ist.«

Birgit, die jüngere Schwester, ist gleich am Telefon, atemlos. »Ich setz mich ins Auto und komm sofort zu dir!«, ruft sie, von ihrem Wohnort im Ruhrgebiet bis Magdeburg sind es mit dem Auto nur drei Stunden. Aber Marion will sich lieber Zeit lassen. Sie müssen sich alle gemeinsam treffen, findet sie. Die dritte Schwester, Gabriele, wagt es erst nicht, anzurufen. »Ich bin ganz durcheinander«, antwortet sie in einem Brief, »ich habe beim Lesen geweint.«

Gabriele ist noch im Osten geboren, 1956, sie ist nur vier Jahre jünger als Marion. Birgit ist 1960 im Westen zur Welt gekommen. Als Gabriele und Marion dann endlich telefonieren, haben sie beide sofort das Gefühl, dass sie etwas verbindet. Marion sagt: »Ich hab sofort gespürt, dass sie meine Schwester ist.« Von Gabriele bekommt sie per Post ein Foto der Mutter, schwarz-weiß, mit weißem Rand, es liegt seitdem auf dem Wohnzimmertisch. Es stammt wohl aus den fünfziger Jahren, ihre Mutter ist 1931 geboren. Das Foto scheint Marion M. eine Frage zu stellen: Wer ist diese Frau?

Sie hat kurze dunkle Locken, eine jungenhafte Frisur, ein schüchternes Lächeln. Sie trägt ein schwarzes Kostüm mit weißem Kragen.

Von den Schwestern hört M., dass ihre Mutter häufig krank gewesen ist. Wenn sie in der Klinik war, schob Birgits Vater, Gabrieles Stiefvater, die Kinder ins Heim ab. Nach dem Tod der Mutter 1966 gab er sie endgültig weg. Seit Marion M. das weiß, ahnt sie, dass ihre Mutter ein unruhiges, unglückliches Leben geführt hat.

All das treibt sie lange um. Auch die Akte beschäftigt sie weiter: Ein Anwalt sagt ihr, sie habe nur Anspruch darauf, ihre Herkunft zu erfahren, nicht aber darauf, eine Kopie der Akte zu bekommen. »Warten Sie mal ab, und setzen Sie das Amt nicht unter Druck.«

Es wird Sommer, und Marion M. macht sich auf die Suche nach Antworten, sie spielt jetzt Detektivin. Sie fährt nach Schermen, einem kleinen Dorf bei Magdeburg, wo ihre Mutter geboren wurde; es ist nur eine halbe Stunde entfernt. In einer Gaststätte fragt sie nach Verwandten, die auch Fiolka heißen, wie ihre Mutter, Thea Fiolka. Es gibt welche. Sie stößt auf einen alten Mann, der eine von Mutters Schwestern geheiratet hatte, Onkel Ernst, so nennt sie ihn. Der letzte lebende Verwandte, der ihre Mutter gekannt hat, nur erinnert er sich kaum an sie. Seine Frau ist vor ein paar Jahren gestorben. »Was die mir alles hätte erzählen können!«

An einem Oktobertag läuft Marion M. nervös durch ihre Küche, sie hat gerade viel zu erledigen. Sie muss zum Beispiel Zutaten besorgen für zwei Torten und einen Apfelkuchen. Die Schwestern kommen in ein paar Tagen zu Besuch, endlich. Es ist ihr erstes Familienfest. »Ich steh kopf«, sagt sie zu ihnen am Telefon. »Ich freu mich dolle.«

Marion M. ist eine kleine, energische Frau, sie kann sprunghaft sein wie ein Kind und hat sich eine große Offenheit bewahrt. Vor ein paar Monaten hatte sie als Altenpflegerin einen Arbeitsunfall, seitdem ist sie krankgeschrieben. Eine verwirrte alte Frau hat sie attackiert. M. erlitt mehrere Bandscheibenvorfälle, womöglich wird sie nie wieder arbeiten können. Sie ist aber gerade viel zu aufgeregt, um daran zu denken. Sie wohnt in einem ehemaligen Bauernhaus, das sie noch zu DDR-Zeiten mit bescheidenen Mitteln renoviert hat. Ihr Sohn, der bei ihr lebt, ist 19 Jahre alt, er studiert Betriebswirtschaft in Magdeburg. M.s Mann ist vor längerer Zeit gestorben. Im Dorf erinnert wenig an die DDR, an die riesigen landwirtschaftlichen Betriebe, die es früher gab. Heute existieren nur noch ein paar kleine Höfe, und viele Leute pendeln in die Stadt. In ihrem Garten hat M. die Deutschlandfahne gehisst. Den Streit um die Frage, ob die DDR eine halbwegs erträgliche oder doch eine ganz unmenschliche Diktatur gewesen sei, hat M. für sich längst entschieden. Nichts geht ihr über »die Angie«, die dafür sorgen wird, dass die Linken und Unverbesserlichen nie wieder etwas zu sagen haben werden. Auf ihrem kleinen Ford klebt ein »Wir sind das Volk«-Sticker.

Die DDR kehrt trotzdem zu ihr zurück, als Gespenst schleicht sie sich in ihr Leben. Seitdem Marion M. in ihrer Akte geblättert hat, grübelt sie nur noch über die Vergangenheit. Haben ihre Adoptiveltern gelogen, wenn sie sagten, sie würden ihre Mutter nicht kennen? Als M. noch klein war, kamen doch immer Pakete von einer »Tante« aus dem Westen, also bestimmt von der Mutter. Nachdem Marion M. erfahren hatte, dass sie adoptiert worden war, schnitt sie ihre Adoptivmutter aus allen gemeinsamen Fotos heraus, so sehr hat sie sie gehasst. Man hat das Gefühl, dass sie all ihre Nachforschungen auch deshalb anstellt, weil sie etwas sucht, das ihr Erlösung bringt – das Wunschbild einer intakten Familie.

Es ist der Tag, an dem sie zum zweiten Mal nach Schermen aufbricht, um den Onkel zu besuchen. Sie steckt das Foto ihrer Mutter in die Jackentasche, es könnte dem alten Mann helfen, sich zu erinnern. Außerdem nimmt sie eine Schere und einen Briefumschlag mit, Werkzeug für einen kuriosen Plan. Marion M. hat etwas vor, das nicht legal ist, sie mag jetzt keine Rücksicht mehr nehmen. Es nimmt ja auch niemand Rücksicht auf sie. »Die haben mir 20 Jahre geklaut!«

Der Himmel über dem flachen Land hat die Farbe von Milchglas, als sie mit dem Reporter ins Auto steigt. Sie durchquert Magdeburg, hier hat sie sogar mal an dem Haus geklingelt, in dem ihre Mutter wohnte. Niemand erinnerte sich an sie. Laut Melderegister zog sie 1958 von hier nach Berlin, Adresse unbekannt. In Wahrheit türmten sie und ihr Mann mit der zweiten Tochter westwärts und kamen ins Auffanglager Friedland.

M. parkt ihren Wagen am Straßenrand. Eine Allee, eine Gaststätte, frisch gestrichene Häuser. Alles sieht neu aus, aber das Alte ist nur übertüncht. Auf der Straße ist niemand. Das ist Schermen, der Geburtsort ihrer Mutter. Sie klopft an eine Haustür. Nichts rührt sich. Marion M. lauscht, vielleicht horcht sie auch in sich hinein. Wie weit soll sie mit ihrer Suche noch gehen? Diese Frage hat sie sich bereits gestellt. Sie läuft um das Haus herum und klopft an ein Fenster, dann an noch eins. Endlich öffnet sich die Haustür einen Spaltbreit. Im Türrahmen steht ein Mann, stützt sich auf einen Stock, er muss weit über 80 sein. Von drinnen dröhnt ein Fernseher. Der Mann ist ihr Onkel, er dreht an seinem Hörgerät. »Wer is denn dat?« »Mensch, Ernst!« Die Wohnung ist klein, der alte Mann wohnt hier allein. Er setzt sich in einen Ohrensessel, eine Armlänge vom Fernseher entfernt. M. legt das Bild ihrer Mutter auf den Tisch. »Du hast doch die Thea gekannt, Ernst.« Er starrt auf das Bild. »Ich will rausfinden, wo mein Vater geblieben ist. Kennst du einen Horst Ruhr?« »Kenn ick nich.« Er schreit jedes Wort, und er wirkt, als sei er nicht nur schwerhörig, sondern auch ziemlich wütend. »So heißt mein Vater in der Adoptionsakte«, sagt Marion M. ruhig. »Die Thea is doch mit der janzen Familie in den Westen.«

Er erzählt, er habe die Schwägerin nur ein einziges Mal in Magdeburg besucht, bevor sie floh. Er kenne ja die alte Geschichte. »Welche Geschichte?«

Sie versteht nicht, was er meint. Er erklärt es ihr. M. guckt bestürzt. Er setzt noch einmal an, grinsend, in der Geschichte kommen viele derbe Ausdrücke vor. »Dafür hat er vier Jahre im Knast jesessen, der Vater von der Thea.«

In M.s Gesicht weicht die Ratlosigkeit einem Ausdruck von Ekel. Sie scheint mit sich zu ringen, ob sie ihm glauben soll. »Hat mir allet der Jerichtsschreiber von dem Prozess erzählt, war ja schon lange her. Hat aber auch in der Zeitung jestanden.«

»Inzucht?« Sie starrt ihn an. »O nee!«

Wenn es stimmt, was er sagt, dann ist ihre eigene Lebensgeschichte verbunden mit einem furchtbaren Familiendrama. Ihre Mutter: das Kind einer Frau, die vom eigenen Vater geschwängert wurde. Als Erstes fällt ihr ein, ob sie sich jetzt wegen Erbschäden sorgen muss. Ist es nicht so, dass das schlechte Blut weiterfließt, über Generationen? Sie denkt: »Ich würde ihm am liebsten den Hals umdrehen.«

Sie hat doch nur nach Schönem gesucht, nach glücklichen Bildern, nach ein wenig Wiedergutmachung für ihre enttäuschten Sehnsüchte. Sie starrt, lächelt. Es ist ein Lächeln, wie man es aufsetzt, wenn einem gar nicht danach zumute ist. »Bleib schön gesund, Ernst!«, ruft sie noch, dann sitzt sie wieder im Auto. »Jetzt habe ich aber ’ne Gänsehaut!«

Auf dem Weg nach Hause kreisen ihre Gedanken. Der alte Mann ist offenbar dement, sie erkennt das, sie hatte als Pflegerin mit Dementen zu tun. Sie wirken manchmal verwirrt, aber auf ihr Langzeitgedächtnis ist gewöhnlich Verlass. »Inzest...«, sagt sie. »Ist das der Grund dafür, dass sie ständig krank war? Für das Asthma, an dem sie starb?« Sie sorgt sich, auch um ihre eigene Gesundheit. Später wird sie lernen, dass Krankheiten, die auf Erbschäden zurückzuführen sind, meist gleich nach der Geburt auftreten. Asthma gehört nicht zu diesen Leiden. Marion M. sagt lange nichts. Es hat begonnen zu regnen, und sie scheint dem Geräusch der Reifen auf dem nassen Asphalt zu lauschen. Sie hat Mitleid mit ihrer Mutter. Wurde diese von ihrer Familie verstoßen und hat sich später ganz besonders nach Zuneigung gesehnt? Ob sie so an all diese furchtbaren Männer geraten ist, die sie und ihre Kinder dann im Stich ließen? »O Gott«, seufzt sie, »das kann ich der Gabriele doch nicht erzählen. Die fällt ja um!« Zu Hause legt sie das Foto zurück auf den Wohnzimmertisch. Sie räumt die Schere weg, die sie nicht benutzt hat, und hält auf einmal den Briefumschlag in der Hand. Drin sind weiße Haare. Ein paar stammen vom Ohrensessel des Onkels, eines ist von einem Kamm, der im Bad lag. Sie hat sich heimlich Material für einen Gentest besorgt. Der Onkel könnte ja ihr Vater sein. Oder der von Gabriele. Eine abwegige Idee, aber Marion M.s Welt ist so durcheinandergeraten, dass sie nun alles für möglich hält. Ein DNA-Test ohne die Zustimmung des alten Mannes wäre illegal, aber er ist ihre einzige Tür zur Vergangenheit. M. legt den Briefumschlag weg. »Schluss!«, ruft sie. »Ich such nicht mehr weiter. Ich will gar nicht mehr wissen, wer meine Familie ist.«

Es dauert ein paar Tage, bis sie sich wieder gefangen hat. Sie ruft nun doch Gabriele an. Auch für diese ist die Inzestgeschichte ein Schock. Gabriele will die Behauptungen des Onkels überprüfen, aber in Magdeburg gibt es kein Archiv mit Zeitungen aus den dreißiger Jahren, ebenso wenig eines mit Justizakten. Marion M. findet insgeheim, dass der Inzest einiges erklärt: etwa, warum der Mann der Mutter deren Kinder nach ihrem Tod nicht haben wollte. Aber sie werden wohl nie herausfinden, ob die Geschichte stimmt. Sie werden mit der Ungewissheit leben müssen, für immer.

An einem Herbsttag Ende Oktober stehen dann auf der engen Straße vor M.s Haus zwei Autos mit Kennzeichen aus dem Ruhrgebiet. Es ist Mittag, der trübe Himmel bricht langsam auf. Die Ankunft der Schwestern vor einer Stunde ist ein Tumult gewesen aus Umarmungen, Tränen, hilflosen ersten Sätzen. Die beiden Ehemänner, die mitgekommen sind, haben danebengestanden wie Statisten. Jetzt trägt Marion M. die Porzellanschüsseln mit Rouladen und Blaukraut ins Wohnzimmer. Sie hat die ganze Nacht nicht geschlafen, ist aber gar nicht müde. Sie stellt die Schüsseln auf den Tisch vor der Eichenschrankwand, unter dem Bild mit dem Alpenpanorama, das die Schwestern und ihre Männer betrachten, als hätten sie so etwas noch nie gesehen. Man spürt, dass M. dieses Zimmer einmal als Gegenwelt zu einem feindlichen Draußen eingerichtet hat. Auch dieses Treffen könnte eine Art Heilmittel sein – gegen die Zumutungen der Vergangenheit. Doch M. läuft nervös herum. »Jetzt setz dich doch mal!«, ruft Gabriele. Sie ist eine scheue Frau Anfang 50. Marion und sie haben das gleiche schmale Kinn, das ist ihnen sofort aufgefallen, sie haben darüber laut gekichert. Birgit, die Jüngste, sitzt neben Gabriele auf dem Sofa, raucht und schweigt. Marion erzählt, dass sie im Internet auf eine weitere Verwandte gestoßen ist. »Irgendwann müssen wir noch ’n Saal mieten«, sagt einer der Männer. Alle lachen laut, als müssten sie sich von einer Anspannung befreien.

Marion berichtet von dem Besuch bei dem alten Mann, der schreckliche Nachmittag gerät ihr zur Anekdote. Niemand will jetzt Schmerzliches hören. Stattdessen gleichen die Schwestern ihre Erinnerungen ab. Eine Jugend im Sperrgebiet an der Zonengrenze Ost gegen eine Jugend in Kinderheimen der sechziger Jahre West. Marion erzählt von der Deutschen Reichsbahn, den Interzonenzügen, mit denen sie als Schaffnerin nicht mehr fahren durfte, weil sie sich weigerte, in die Partei einzutreten. Es stellt sich heraus, die Westschwestern wissen eigentlich gar nichts über den Osten. »Bei mir war’s schlimmer«, sagt Marion. Sie hat sich im Osten durchgekämpft, hat sich immer wieder auf Neues eingestellt, sogar mit alkoholabhängigen Jugendlichen hat sie gearbeitet. Das Leben der Schwestern ist ruhiger und bürgerlicher. Gabriele arbeitet im Büro eines Großhändlers, Birgit betreibt mit ihrem Mann ein Gartencenter. Doch Marion erfährt von ihnen weniger über ihre Mutter, als sie erhofft hat. Die Schwestern waren beide noch klein, als sie starb. »Ihr habt wenigstens ein paar Erinnerungen«, sagt sie traurig. Nach dem Essen schenkt sie Sekt ein. Man stößt laut an, dieser Nachmittag hat auch etwas von einer Siegesfeier. Auf einmal brauchen alle frische Luft. Die Schwestern laufen vor dem Haus die Straße hinunter, die zum Dorfplatz führt. Sie gehen scheu nebeneinanderher, als müssten sie noch den richtigen Abstand zueinander finden – eine Antwort auf die unausgesprochene Frage, ob sie es schaffen werden, als Familie zusammenzuwachsen. Marion, die in der Mitte geht, packt auf einmal die anderen bei den Händen und zieht sie mit sich. Sie stürmen davon und springen herum wie kleine Mädchen. Für ein paar Minuten holen sie die verlorenen Jahrzehnte zurück.

Im Haus serviert Marion dann den Apfelkuchen, die Erdbeer- und die Buttercremetorte. Sie bringt viel Kaffee, denn alle wirken jetzt müde. Nach drei Stunden fällt das Wort, das nach ihnen allen greift. »Die Sache mit dem Inzest war für mich ein Schock«, sagt Gabriele. »Ganz glaub ich die Geschichte ja noch nicht«, erwidert Marion, als wolle sie die Schwestern beruhigen. Sie steht auf und holt eine Flasche Weißwein. Birgit schweigt, die Männer räuspern sich. Marion will über das schwierige Thema nicht sprechen. Sie tut so, als hätte es gar keine Bedeutung. Es darf keine haben, wenigstens heute nicht. Bis spätabends sitzen die Schwestern noch beieinander. Dann gehen sie in glücklicher Erschöpfung auseinander, unfähig, jetzt schon irgendwelche Schlüsse zu ziehen.

Ein paar Tage später sagt Marion M.: »Der Funke ist übergesprungen.« Seit dem Treffen ruft Gabriele ständig an, die beiden älteren Schwestern haben das Gefühl, dass sie zusammengehören. Für Marion hat ihre Lebensgeschichte, die sie sich so mühsam angeeignet hat, nun nochmals eine Wendung genommen – wie eine komplizierte Rechenaufgabe, die am Ende ein unerwartetes Ergebnis zeigt. »Wenn ich bei meiner Mutter geblieben wäre, hätte ich ja auch fast meine ganze Kindheit und Jugend in Heimen verbracht«, sagt sie. »Also hab ich von uns drei Mädels doch das beste Schicksal gehabt.« Der Frieden, der mit dem Treffen der Schwestern in ihr Leben zurückgekehrt ist, wird noch einmal gestört. Die Frau vom Amt meldet sich und sagt, M. habe noch eine vierte Schwester gehabt. Sie sei gleich nach der Geburt 1958 gestorben, es gebe eine Sterbeurkunde. Man könne DDR-Schriftstücken aber nicht trauen. Marion M. solle doch noch mal bei Ärzten nachforschen. Wochenlang quält sie sich mit der Frage, ob sie die Klinik suchen und um Auskunft bitten soll. Ob sie die Geschichte auch an diesem Ende noch mal aufrollen möchte. Dann lässt sie es bleiben. Es ist nur eine weitere Abzweigung dieser Geschichte, in der sie sich schon zu oft verlaufen hat.

Im Januar 2010 beantragt sie eine Rente als Opfer der DDR-Diktatur. Sie sei zwangsadoptiert worden, schreibt sie an das Amtsgericht in Magdeburg, das diese Behauptung nun überprüfen muss. Außerdem beantragt M. Einsicht in ihre Stasiakte und in die Stasiakte ihrer Mutter. Im April besucht sie ihre Schwestern im Ruhrgebiet. Sie kehrt begeistert zurück. »Ich habe eine neue Familie«, sagt sie.

Wochen später holt sie einen großen Umschlag aus dem Briefkasten. Zehn Monate lang hat sie darauf gewartet, so lange ist sie immer wieder vertröstet worden. Sie hält ihre Adoptionsakte in Händen. 69 Fotokopien, 350 Gramm Papier.

Es ist ihr wiedergefundenes Leben.

 

Kathrin Schüll's Geschichte (15.Juli 2010) 

LENDERSHAUSEN - Dank Facebook: „Ich habe meine Mama gefunden“ 

Kathrin Schüll (28) wurde adoptiert – Nun hat sie im Internet ihre leibliche Mutter entdeckt

 

Kathrin Schüll aus Lendershausen ist 28 Jahre alt. Und sie wusste von klein auf, dass sie adoptiert wurde. Im Alter von zehn Wochen hat Familie Egelkraut aus Hofheim sie in ihre Familie aufgenommen. Dort wurde mit dem Thema der Adoption ganz offen umgegangen. Kathrin wusste schon immer: „Irgendwann will ich meine leibliche Mutter kennenlernen.“

 

Kathrin kannte auch den Namen ihrer Mutter – Gail Lynn Watts. Und sie wusste, dass ihre Mutter weiß und ihr Vater dunkelhäutig war.

Kathrin war informiert, dass ihre Mutter in Grafenwöhr bei der US-Armee war und auch ihr Vater war dort stationiert war. Aber: „Ich war nie daran interessiert, ihn kennenzulernen“, sagt die 28-Jährige. Doch zu ihrer Mutter verspürte sie, auch wenn sie sie nicht kannte, eine starke Mutter-Kind-Bindung. Immer wieder versuchte sie, ihre Mutter ausfindig zu machen.

Kathrin Schüll hat sich mit dem Diakonischen Werk in Nürnberg, das damals für die Adoption zuständig war, in Verbindung gesetzt. Doch leider blieb hier der Erfolg aus. Auch ihr Mann hat sich bei der Suche engagiert und versuchte über die Fernsehshow „Nur die Liebe zählt“ Kathrins Mutter ausfindig zu machen.

Eine besonders engagierte und enge Freundin von Kathrin, Carmen Endreß, setzte sich mit der Kaserne in Grafenwöhr in Verbindung, bekam aber nur die Auskunft, dass es darüber keine Daten mehr gäbe.

Dem Vorschlag von Carmen, sich im Internet bei Facebook anzumelden und auf diesem Weg zu versuchen, die Mutter zu finden, stand Kathrin, die selbst zweifache Mutter ist, zuerst sehr skeptisch gegenüber. Trotzdem meldete sie sich auf das Drängen ihrer Freundin bei dem Internetportal an.

Kleiner Fehler – große Wirkung

Dort fiel ihr gleich ein Fehler auf. Sie hatte bisher nach dem Namen „Gale Lynn Watts“ gesucht. Allerdings kann man den Vornamen auch „Gail“ schreiben. Sofort gab sie diesen Namen ein und fand bereits nach kurzer Zeit einen Eintrag, der auf ihre Mutter passte. „Das muss sie sein“, schoss es Kathrin durch den Kopf. Was dann folgte, war ein Gefühlschaos. „Was ist, wenn das wirklich meine Mutter ist?“, „Will sie mich überhaupt kennenlernen?“, „Wie wird sie reagieren?“. All diese Fragen stürmten auf Kathrin ein.

Doch die Hoffnung überwog die Zweifel und so schrieb Kathrin der Dame in Facebook, wo sie geboren wurde, das Geburtsdatum und den Satz: „Ich glaube, du weißt, wer ich bin“ – und bat um Rückantwort.

Da sie erst abends diese Nachricht absendete, und die Zeitverschiebung berücksichtigen musste, nahm das Warten für Kathrin kein Ende. „Ich konnte vor Aufregung gar nicht schlafen“, erklärt sie. Sie war immer noch skeptisch, ob es sich tatsächlich um ihre leibliche Mutter handelt, obwohl ihr Mann und die Freundin sich absolut sicher waren.

„Wird sie überhaupt antworten“, fragte sich Kathrin, während sie einer Antwort entgegenfieberte. Am nächsten Tag schaltete sie aufgeregt den Computer an, ging in Facebook – und fand diese Nachricht im Postfach: „Oh mein Gott! Ja, ich weiß wer du bist! Bitte erzähle mir alles. Ich kann es gar nicht glauben!“

Auch ihre Mutter hatte schon daran gedacht, Kathrin zu suchen, sich aber nicht getraut. Immer wieder las Kathrin den Text und konnte es gar nicht fassen. Sie hatte ihre Mutter gefunden. Sofort rief sie ihren Mann an, der diese Nachricht vor Freude weinend zur Kenntnis nahm.

Auch ihre Freundin Carmen freute sich riesig. Kathrin dagegen war wie gelähmt. „Ich war in einem regelrechten Schockzustand“, sagt sie. „Ich konnte nicht einmal weinen.“ Nie hätte sie damit gerechnet, so schnell eine Antwort zu bekommen.

Seit diesem Tag hat sie über das Internet täglich Kontakt mit ihrer leiblichen Mutter. Diese wohnt alleine in Pueblo, im US-Staat Colorado, in der Nähe von Denver. Kathrin und ihre Mutter erzählen sich nun alles über ihr Leben, über ihre Familien und Freunde. Sie schicken sich Bilder und auch ihre Freunde und Verwandte sind über Facebook in den Kontakt eingebunden. Besonders Carmen. „Carmen habe ich das alles zu verdanken“, sagt Kathrin.

Besuch geplant

„Ich habe meine Mutter auch gefragt, warum sie mich zur Adoption freigegeben hat“, so Kathrin. Allerdings hat sie darauf noch keine genaue Antwort erhalten. Das ist wohl auch ein Thema, das man nur persönlich bespricht, wenn man sich direkt gegenüber sitzt, meint Kathrin.

Dazu hat sie vielleicht bald Gelegenheit. Denn sie hat ihre Mutter eingeladen, an Weihnachten zu ihr nach Lendershausen zu kommen. „Nächstes Jahr möchten wir auch gerne nach Amerika und meine Mutter besuchen“, erzählt Kathrin weiter.

Für Kathrin hat sich eine Lücke in ihrem Leben gefüllt. Denn jeder, der sie näher kennt, wusste: Ihr fehlt etwas. Und alle freuen sich riesig mit ihr, dass Kathrin endlich ihre leibliche Mutter gefunden hat.

  

 

*Am 25. April 2010 erreichte mich eine Nachricht von der Moviemento Kino Betriebs GmbH, aus Berlin, mit der Bitte, doch hier auf meiner Seite die Geschichte von Sinan zu veröffentlichen.

Hier ist sie: Sinan's Geschichte (26. April 2010) 

Der charmante junge Deutsche Sinan ist in Südhessen bei seiner Adoptivmutter aufgewachsen. Inzwischen lebt und arbeitet er in Berlin.

Seine leiblichen Eltern stammen aus Mosul, im Norden des Irak. Als seine Mutter mit Sinan das vierte Kind bekommt, gibt sie den Kleinen ihrem Bruder Farouk zur Pflege, nichts ungewöhnliches in irakischen Familien - das Kind wächst innerhalb einer großen Familie auf. Farouk ist mit Brunhild, genannt Bruni, einer deutschen jungen Frau verheiratet. Die beiden können keine Kinder bekommen und freuen sich sehr über das Kind. Doch nach drei Jahren geht die Beziehung in die Brüche. Brunhild sehnt sich zurück nach Deutschland. Sie weiß, dass sie problemlos gehen könnte, aber sie will nicht ohne ihren Sinan gehen. Mit einem Trick – ihre Schwester schickt ein Telegramm, dass die Mutter schwer erkrankt sei – kann sie gemeinsam mit dem dreijährigen Sinan den Irak verlassen. Während des Irakkrieges verlässt die leibliche Familie Sinans das
Land und findet in Dubai ein neues Zuhause.

Für Sinans leibliche Eltern hat er trotz seiner Abwesenheit immer zur Familie gehört, sie haben die ganze Zeit auf die Rückkehr des verlorenen Sohnes gewartet und auch aktiv nach ihm gesucht. Eines Tages finden Sie ein Foto von ihm im Internet und schreiben Briefe und E-Mails. Doch Sinan fühlt sich noch nicht bereit seiner leiblichen Familie zu begegnen. Die Briefe bleiben ungeöffnet und E-Mails unbeantwortet. Doch eines Tages ist es so weit. Ihn erreicht eine weitere E-Mail und er ruft seine Familie an. Schon kurze Zeit später sitzt er im Flugzeug um seine Familie in Dubai zu besuchen.

Der Regisseur Christoph Heller hat die Begegnung von Sinan und seiner Familie mit der Kamera begleitet: »Mein Vater. Mein Onkel.« läuft ab 13. Mai im Kino.

http://mein-vater-mein-onkel.de/

 

Anne Flock's Geschichte (17. April 2010) 

Sophie (Anne Flock) wurde am 01.10.1957 in Norddeutschland geboren. Sie hat gemeinsam mit ihrem anderthalb Jahre jüngeren Bruder drei Monate in einem Heim verbracht bevor sie (und ihr Bruder) vom kinderlosen Cousin ihrer leiblichen Mutter und dessen Ehefrau adoptiert wurde. Glücklich wächst sie in ihrer neuen Familie auf, die sie (vorerst) wie ihre leiblichen Eltern akzeptiert. Doch zwanzig Jahre später, am 03. Juni 1982, als Sophie's erstes Kind Sophia zur Welt kommt, ändert sich in ihrem Leben schlagartig alles und sie begibt sich auf die Suche nach ihrer leiblichen Mutter. Das Treffen ist unbefriedigend und das Thema Identitätssuche vorerst einmal für sie abgeschlossen. So hatte sie sich das Wiedersehen mit ihrer leiblichen Mutter nicht vorgestellt. Aber es sollte nur ein Rückzug auf unbestimmte Zeit sein, denn zehn Jahre später als ihr zweites Kind Franz geboren wird (16. März 1992), kehren die Schatten der Vergangenheit zurück und sie macht sich auf den Weg ihre Mutter ein zweites Mal zu suchen. Dies gelingt ihr am 27. September 1995. Mit veränderten Erwartungen und einer anderen Ansicht auf ihre erforschte Geschichte, kann sie ihrer Mutter nun anders begegnen, sie mit anderen Augen sehen und vor allem sie als das annehmen was sie letztendlich ist, ihre Mutter. 

Die Geschichte Sophia's beschreibt das Schicksal vieler Personen einer Familie über mehrere Generationen hinweg, in deren Mittelpunkt drei Schwestern stehen. Ihre Familie ist zerstreut auf der ganzen Welt; in Deutschland von Nord bis Süd; in den Niederlanden von West bis Ost; in den USA von der Ostküste bis zur Westküste. Sie war viel und oft alleine, wäre dies nicht der Fall gewesen, hätte sie wohl auch nie nach dem Fehlenden gesucht. Alle die sie fand, fühlten sich auch sehr oft alleine, jetzt sind sie vereint, eine große Familie. Vieles von dem was sie fand hatte sie nicht gesucht. Sie selbst schaut heute auf eine Geschichte zurück, die das Leben ihr schrieb und in der Tragik, Sehnsucht, Hoffnung,  Zufall, Liebe und Glück die Bausteine sind. Im Januar 2000 fing sie an diese, ihre Geschichte aufzuschreiben und niemals hätte sie gedacht, dass daraus zwei Bücher "DIE BLAUE SPUR" und "SUCHLAUF" entstehen würden (näheres hierzu auf meiner Seite Ado-Bücher).          

 

Meine Geschichte ........                                

Die Suche nach meiner leiblichen Mutter war eine Suche nach meiner eigenen Identität. Ich habe seit meiner Jugendzeit immer wieder gehofft, Antworten auf für mich essentielle Fragen zu bekommen: Woher komme ich? Wem sehe ich ähnlich? Gibt es in meiner biologischen Familie Erbkrankheiten, von denen ich wissen sollte? Ich selbst habe zwei Erbkrankheiten mit in die Wiege gelegt bekommen, von denen eine lebensbedrohlich ist und die andere, mich so gut wie erblinden ließ. Wieso wurde ich zur Adoption freigegeben? Was war mit meinem Vater? Fragen über Fragen. Ich wusste, dass meine leibliche Mutter immer wieder versucht hatte, über das Jugendamt, in Erfahrung zu bringen wie es mir ging. Dass sie irgendwann auch versucht hatte, mich zurück zu holen und dass sie ihre Einwilligung zur Adoption erst nach vielen Jahren gab, nachdem sie erfahren hatte, dass man mich nicht wieder aus dem für mich guten Umfeld holen würde. Ebenso wusste ich, dass mein Vater Amerikaner war. Dies hatten mir meine Adoptiveltern selbst erzählt, allerdings haben sie mir auch immer einsuggeriert, dass ich ja wohl kein Interesse daran hätte, sie, meine leibliche Mutter, die ja nicht in der Lage war für mich zu sorgen, kontaktieren zu wollen. Da ich meine Adoptiveltern wirklich sehr gerne hatte, sie mir ein gutes familiäres Umfeld boten und mir eine gute Schul- und Arbeitsausbildung gaben, ich also dankbar sein musste, habe ich natürlich nicht nach meiner Mutter gesucht. Aber in Wirklichkeit bin ich fast vergangen nach ihr. Dies wurde im Laufe der Jahre, nachdem ich mittlerweile selbst Mutter von zwei Söhnen war, immer schlimmer und je mehr ich verdrängte, um so stärker wurde das Verlangen. Ich wurde innerlich fast zerrissen und traute mich nicht mich irgend jemandem anzuvertrauen. Wenn meine Adoptiveltern nicht mehr am leben wären, dann wollte ich meine Suche starten. Aber meistens kommt es anders als man denkt. Im Alter von 41 Jahren (Mai 2003) bekam ich Brustkrebs, eine Diagnose, die mein Leben von heute auf morgen total veränderte.  Ich musste so schnell wie möglich operiert werden. Der Brustkrebs war ein schnellwachsender, bösartiger Tumor der mittlerweile schon so groß wie ein Hühnerei war. Sämtliche Lymphknoten in der linken Armhöhle wurden mir gleich mitentfernt um eine mögliche Ausbreitung des Krebses verhindern zu können. Diese Diagnose hat wie bereits erwähnt, mein Leben von heute auf morgen total verändert. Von nun an war klar, dass ich nicht mehr mit meiner Suche nach meinen eigenen Wurzeln, meiner eigenen Identität warten würde. Circa ein halbes Jahr später, nachdem ich sowohl die Operation wie auch die anschließende Chemo- und Strahlentherapie einigermaßen gut überstanden hatte, nahm ich meinen ersten Kontakt zum Jugendamt auf. Die Dame war sehr nett und hatte wohl auch Verständnis für mein Anliegen, meine Identität finden zu wollen. Sie sagte mir ihre Mithilfe zu und wollte sich wieder, nachdem sie meine Akte aus dem Archiv angefordert hatte, bei mir melden. Ich war froh, den ersten Schritt getan zu haben. Es hörte sich ja alles ganz gut an, was mir die Sachbearbeiterin so am Telefon gesagt hatte. Wochen vergingen, aber ich hörte nichts mehr von ihr. Ich versuchte sie zu erreichen, aber leider war da immer nur der Anrufbeantworter. Meine Nachrichten blieben unbeachtet. Anfang Dezember (2003) dann endlich bekam ich einen Anruf vom Jugendamt. Man sagte mir, dass meine Akte nun aus dem Archiv da sei, jetzt vor Weihnachten aber keine Termine mehr vergeben werden würden und sie, die Sachbearbeiterin, im Januar erst mal 3 Wochen Urlaub hätte. Danach bräuchte sie etwa zwei Wochen für die Aufarbeitung der angefallenen Arbeiten während ihrer Urlaubszeit. Ich war vollkommen enttäuscht über diese Nachricht. Also ich hatte jetzt einen Termin von ihr für Mitte Februar 2004 bekommen und solange sollte ich einfach nur abwarten...

.....das konnte ich nicht.

 

Mehr über meine Geschichte in meinem neuen Buch (Memoiren einer Adoptierten), welches vorraussichtlich Ende des Jahres 2010 veröffentlicht werden wird!

 

 

 

 

 

 

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